Interview: Kick4Peace

Interview mit Till – Leiter des Projekts Kick4Peace

Hi Till, wer bist Du, was machst Du?
Hi. Ich bin Till, Kampfkünstler, Industriekletterer, Trainer für Interkulturelle Kompetenzen und vieles mehr... Zu viel, um sich auf nur eine Sache zu beschränken. Ich leite das Projekt Kick4Peace bei den Hamburg Towers bzw. Sport ohne Grenzen. Gerne würde ich nur mit und von der Kampfkunst, dem Kampfsport leben. Das ist bei der Vielzahl an Angeboten nicht immer einfach. Daher konzentriere ich mich auf das Projekt und unterstütze meinen Sifu in unserer Kampfkunst Schule in Barmbek.

Wie bist du zum Kampfsport gekommen?
Angefangen habe ich in der ersten Klasse mit dem Judo. Mein bester Freund und ich haben damals beim HT16 trainiert. Unsere Mütter fanden es gut. Zwei Kinder bei Alleinerziehenden, da musste Energie abgebaut werden. Mit 13 habe ich dann den Weg in die Schule meines heutigen Lehrers gefunden. Ich hatte das Glück in meiner Schule jemanden kennen zu lernen, der dort schon unterrichtet wurde. Eine gute Fügung, da Abiturienten und Siebtklässler eher selten in Kontakt kommen. Er nahm mich mit und ich wusste nach dem ersten Training, das ist es, das wird es bleiben.

Was bedeutet Si-Fu und was Si-Hing usw.?
Diese Begriffe kommen aus dem Chinesischen und bedeuten aus unserem Verständnis Lehrer und wenn man so sagen möchte Assistent. Sifu oder Shifu hat aber eine noch viel weitreichendere Bedeutung. Es ist der Lehrer, aber auch der Vater. In der Tradition der chinesischen Kampfkünste hat man seine Kinder in die Schulen oder auch Klöster geschickt, wo sie über viele Jahre ausgebildet wurden, ohne abends wieder nachhause zu gehen. Sie lebten dort und der Sifu wurde somit auch zu einer Vaterfigur. Der Sihing wurde somit auch zu einem großen Bruder und hat diese Bedeutung auch heute inne.

Man spricht auch von „Kampfkunst“. Was hat Kampf mit Kunst zu tun? Welche Aspekte spielen neben dem Kampf noch eine Rolle bzw. scheint nicht nur die körperliche sondern auch eine geistige Dimension eine Rolle zu spielen?
Hmmm.. Ist Musik Kunst? Malen? Wenn man, nehmen wir das Kämpfen im Ring oder auf der Matte mal bei Seite, sich einer Sache hingibt und sich über diese auszudrücken versucht, ist das dann Kunst? Es geht wie bei den klassischen Künsten um Hingabe, Fleiß, Akribie und sehr viel Kreativität. Bezogen auf den Kampf ist jede Situation neu, man muss sich ihr anpassen, dem Gegner, den Umständen. Die freie Kunst des Kämpfens, die Katas oder Kuens, wie sie im japanischen und chinesischen genannt werden, sind das Praktizieren des Kampfes ohne Gegner. Dennoch steckt extrem viel Ausdruck und Präzision in dieser Praktik. Sie ist dem Kunstverständnis am nächsten, weil auch die Persönlichkeit zum Ausdruck kommt. All diese Aspekte stärken nicht nur den Körper, sie formen vor allem den Charakter und die Persönlichkeit. Man kann den Fleiß zum erreichen sportlicher Ziele auch auf andere Lebenssituationen anwenden. Die Ausbildung, die Schule, die Arbeit. Den Respekt zu seinem Lehrer und Mitschülern auf sein Umfeld und alle Menschen, denen man begegnet. Das Selbstbewusstsein, welches man durch das erlernen von Kampfkunst und Kampfsport erhält, sollte zu einem offenen und selbstsicheren Menschen führen. Dieser Mensch urteilt nachdem er alle wichtigen Informationen hat. Dies muss man sich Tag für Tag bewusst machen, eine Lebensaufgabe.

Was Technik und Kraft angehen, habe ich das Gefühl, dass du weniger als zwei Sekunden bräuchtest, um mich umzulegen. Bei aller geistiger Haltung: Du bildest Menschen auch zu lebendigen Waffen aus. Wie gehst du mit dem Gewaltaspekt in deinem Beruf um?
Gewalt ist allgegenwärtig. Sie liegt der Natur inne. Wir Menschen haben das Geschenk des Bewusstseins erhalten, welches durch einfache Prozesse die Gewalt umgehen kann. So die Theorie... Der beste Kampf ist der, der nicht statt findet. Das sollte eine Maxime sein. Aber Gewalt findet auf so vielen Ebenen statt, dass sie zwangsläufig zu Frust und Ärger führt. Es muss nicht immer die körperliche Auseinandersetzung sein. Das Internet, die Arbeitskollegen und und und... Ich versuche in erster Linie den Menschen zu formen, nicht den Kämpfer. Lieber weg gehen und das Weichei sein, ganz ehrlich... Der Kampfsportler, der sich draußen messen will, hat nichts verstanden und ist im schlimmsten Fall zur Rechenschafft zu ziehen. Ich kommuniziere das genau so... WENN, man sich verteidigen muss, dann ist das so. Unsere Schüler wissen, was dann zu tun ist. Dafür trainiert man Selbstverteidigung, um sein eigenes Leben und das seiner Angehörigen zu schützen.

Ist es dir schon mal passiert, dass einer deiner Schüler draußen gewalttätig wurde?
Nein, worauf ich sehr stolz bin. Aber ich kenne genügend andere Beispiele.

Was ist für dich das Schönste daran kick4peace zu machen?
Der Fortschritt... Die Jungen Menschen, die uns in den letzten beiden Jahren besucht haben, haben große Schritte gemacht. Die meisten sind innerhalb der letzten 6 Jahre nach Deutschland gekommen. Auf diversen Flüchtlingsrouten. Sie haben den Weg hierher gefunden, nun unterstützen wir sie dabei, den Weg in unsere Gesellschaft zu finden. Sie lernen fleißig Deutsch oder streben Schulabschlüsse an. Sie haben Ausbildungsplätze gefunden oder sind auf der Suche. Das Training hält sie davon ab, dummes zu tun. Und soweit ich erfahre und weiß sind die Verlockungen groß. Ich sehe Menschen, die sich entwickeln, das ist das Schönste...

Zu guter Letzt: Was ist Erfolg für dich ganz persönlich?
Gute Frage... Mittlerweile ist es, zu sehen, dass das was ich gebe Früchte trägt. Und... Wenn unsere kick4peace Schüler in naher Zukunft erfolgreiche Wettkämpfer werden. Einen Deutschen Meister... Das wäre ein toller Erfolg

Besten Dank für das Interview Till!

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